Über Volksmedizin und Aberglauben im Ostallgäu sprach Herbert Eigler zu einem großen Publikum im medientechnisch bestens ausgestatteten Saal des Königswirts in Bertoldshofen. „Das Ostallgäu war lange heidnisch und rückständig“, erklärte er eingangs, „deshalb haben sich alte Bräuche hier lange gehalten.“ Er sammle seit vierzig Jahren Aussagen und Aufzeichnungen zu diesen beiden Themen, erklärte er seinem Publikum. Nun stelle er sie vor, auch wenn sie auf uns heute zum Teil befremdlich, skurril oder gar völlig abwegig erscheinen. Einordnen und bewerten müsse diese Phänomene jeder Zuhörer für sich selbst.
Große Angst hatten die Menschen früher vor Wiedergängern. Das waren Tote, die angeblich in die Welt der Lebenden zurückkehrten. Die Sage von den Irrlichtern im Geltnachtal erzähle davon. Was taten die Menschen dagegen? Sie legten dem Verstorbenen eine Münze in den Mund, damit er den Fährmann bezahlen konnte und ins Jenseits fand. Die Schlüssellöcher in einem Haus, in den ein Toter aufgebahrt war, wurden öfter zur Sicherheit mit geweihtem Wachs verstopft. Oder man zog einer Hoinze das beste Gwand der gestorbenen Oma an und stellte diese mit Abstand zum Haus auf. „Falls die Oma zurückkommt, will sie in ihr Gwand schlupfen und bleibt in der Hoinze hängen“, hatte man Eigler erklärt.
Um sich vor Schicksalsschlägen und Unglücksfällen zu schützen, hatte er mehrere „Mittel“ erfahren: Gegen Viehseuchen wurden im 17. und 18. Jahrhundert Kühe geopfert, indem man sie lebendig begrub. In Seehof am Auerberg verwendete ein Bauer einen großen „Meerschneck“ für einen Lärmzauber. Beim Hineinblasen erzeugte er ein schauerliches Geräusch. So machte man Flurumgänge, um die Ernte zu schützen. In Oberdorf verließ man sich dagegen auf das Wetterläuten, um Blitz und Hagelschlag abzuwenden. Man läutete sogar so sehr, dass die große Glocke der Martinskirche zu Fürstbischof Clemens Wenzeslaus‘ Zeiten brach und neu gegossen werden musste.

Die Besenkapelle ist in der linken offenen Tür
Foto: Kornelia Hieber
Nirgends gab es so viele Heiler und Abbeter wie im Allgäu. Eigler erzählte von Einrenkern, Warzenabbetern, Blutstillern, Brandlöschern und Schmerzstillern. Die jeweilige „Gabe“ werde in der Familie weitergegeben, die Heilsprüche nur mündlich überliefert. In Marktoberdorf gab es früher mit der Besenkapelle unterhalb der Martinskirche einen Ort, der Hilfe bei Hautkrankheiten versprach: Wer da ein Problem hatte, der musste einen Reisigbesen selber binden, ihn schweigend hinauf zur Kirche tragen und ihn in der Besenkammer abstellen. Früher seien immer mehrere Besen in der Kapelle gestanden, wusste er, heutzutage kaum noch welche. Ein Allheilmittel seien dagegen die Schabfiguren und Schluckbildchen gewesen, welche Pilger an Wallfahrtsorten erwerben konnten. Schabfiguren waren kleine Tonfiguren, die man „anschabte“ und die Brösel ins Essen oder ins Tierfutter mischte. Die kleinen Schluckbildchen wurden ebenfalls verspeist (beide können im Stadtmuseum angeschaut werden). Ein Baumheiligtum, aus dem eine christliche Wallfahrt geworden sei, ist dagegen die Kindletanne, welche heute in die Kindle-Kapelle in der Nähe des Ettwieser Weihers integriert ist. Wenn ein Kind krank ist, hängen noch heute Eltern oder Angehörige dort ein Kinderkleidungsstück auf und beten um Heilung.

Foto aus dem Stadtmuseum (Kornelia Hieber)

Skizze aus der Fischeriana

Kindletanne heute
Foto: Kornelia Hieber
„Den Glauben an Hexen, die mit dem Teufel im Bunde sind und anderen Menschen oder Tieren Schaden anhexen, können wir heute nicht mehr nachvollziehen“, konstatierte Eigler. Jedoch war Oberdorf im 16. Jahrhundert eine Hochburg der Hexenprozesse. Über 60 Frauen wurden in nur zwei Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Auch an Druden glaubten die Menschen früher: Das waren Frauen, welche sich in ein katzenartiges Wesen, eben eine sogenannte Drude verwandeln konnten. Sie kamen bei Nacht, setzten sich einem Menschen auf die Brust und nahmen ihm den Atem. Dagegen half ein sogenannter Drudenstein. Das ist ein Stein, der auf natürliche Weise ein Loch hat. „Man glaubte, böse Geister hätten Angst vor Löchern“, erzählte Eigler. Angeblich hatten die Oberdorfer Hebammen früher Drudensteine vorrätig, die sie bei Bedarf an Wöchnerinnen zum Schutz ihrer Neugeborenen verliehen.
Herbert Eigler führte noch viele weitere Beispiele für Aberglauben und Volksmedizin auf. Dank seiner Erzählkunst fesselte er seine zahlreichen Zuhörer bis zur letzten Minute. Veranstalter des „Hoigartens on tour“ war der Heimatverein Marktoberdorf.
Text: Kornelia Hieber
Gut besucht war der Vortrag von Siegfried Laferton über den „Fall Hans Geiger“, der sich in der Zeit des Nationalsozialismus im Markt Oberdorf ereignete. Der Sägewerksbesitzer war von zweien seiner Mitarbeiter denunziert worden; Er wurde verhaftet und verhört, seine Familie wurde drangsaliert und ihm wurde der Prozess gemacht. Der Vorwurf gegen ihn: Er hatte seine Mitarbeiter gerügt, weil sie ohne sein Wissen eine große Hakenkreuzfahne im Sägewerk gehisst hatten. Nachdem sich bereits eine Serie in der Allgäuer Zeitung mit dem Thema befasst hatte, veröffentlichte der Heimatverein im April 2025 darüber eine Ausgabe seiner „Marktoberdorfer Heimatblätter“ in einer durch neue Erkenntnisse erweiterten Fassung. Wegen des anhaltenden Interesses entschloss man sich zu einem Nachdruck und lud zu dem Vortrag ein.
Neu in die Geschichte eingeflossen ist der Schriftwechsel von Rosa Wothe – einer Freundin von Geigers Frau Aurelie. Laferton hat ihn ausgewertet und Zusatzfunde zur Vorgeschichte der NS-Zeit bis zu den unmittelbaren Nachkriegstagen darin gefunden. Er stellt in dem Heft aber auch dar, was die Nationalsozialisten unternahmen, um Land und Ort in den Griff zu bekommen, so dass niemand sein bisheriges Leben unbeeinflusst weiterführen konnte. Reichlich Material dazu fand er im Markt Oberdorfer Landboten. Die Vorgehensweisen der hiesigen NS-Partei hat er in die vier Strategien „verführen, disziplinieren, einschüchtern und wegsperren“ eingeteilt. An Beispielen wie de, Weihnachtsfest, der Sonnwendfeier oder dem Aufstellen des Maibaums zeigte Laferton auf, wie die Nazis das öffentliche Leben im Markt Oberdorf nach ihren Vorgaben umgestalteten. Auch zu den Themen Disziplinieren und Einschüchtern verwies er auf örtliche Beispiele und nicht zuletzt auf die Person Hans Geigers, welcher zwar den Justizpalast als freier Mann verlassen konnte, sein Wohnhaus in Ortsmitte jedoch der örtlichen Nazipartei überlassen musste. Für die Aufarbeitung des juristischen Prozesses stützte sich Laferton auf den Akt des Sondergerichts in München, der heute im Staatsarchiv München verwahrt wird.
Restexemplare der Marktoberdorfer Heimatblätter über den Fall Hans Geiger sind im Stadtarchiv (08342 4008-81 oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) gegen eine Schutzgebühr von 4 Euro erhältlich.
Text: Kornelia Hieber
Foto: Rosi Klimm
Memmingen – Plötzlich wird es still in der alten Kramerzunft am Weinmarkt. Dann ertönt eine Stimme von oben. Die reich verzierte Holzdecke beginnt zu erzählen: von den Zwölf Artikeln, die hier 1525 von den Bauern formuliert wurden und die als erstes Grundrechtsdokument Europas gelten. Mit dieser eindrucksvollen Licht- und Toninstallation tauchten die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer des Stadtmuseums Marktoberdorf und Mitglieder des Heimatvereins Marktoberdorf in die Geschichte ein.
Der Jahresausflug führte die Gruppe nach Memmingen, wo derzeit die große Bayernausstellung „Projekt Freiheit – Memmingen 1525“ zu sehen ist. In zwei Führungen erfuhren die Teilnehmenden, wie die Forderungen nach Freiheit, Mitbestimmung und Gerechtigkeit im Bauernkrieg ihren Anfang nahmen. Die Ausstellung zeichnet die Entstehung der „Zwölf Artikel“ nach und macht diesen historischen Moment durch multimediales Storytelling, barrierefreie Angebote und interaktive Stationen für alle Besuchergruppen lebendig erlebbar.
Einen besonderen Eindruck hinterließ auch der Besuch der Kramerzunft, wo eine Licht- und Toninstallation die historische Stube selbst „sprechen“ lässt. Ergänzend erkundete die Gruppe die Museen im Antonierhaus: das Antoniter-Museum mit seiner Spitalgeschichte sowie das Strigel-Museum mit Kunstwerken der Memminger Künstlerfamilie. Bei einem gemeinsamen Mittagessen klang der Ausflug gesellig aus.
Die Marktoberdorfer Museumsaufsichten und Mitglieder des Heimatvereins vor dem Antonierhaus in Memmingen
beim Jahresausflug 2025
Text und Foto: Josephine Berger
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