Streitende Bauern, feiernde Antoniusbrüder und ein wohltätiges Fabrikantenehepaar
Ursula Thamm las in der Stube des Hartmannhauses aus der Bertoldshofener Chronik
Einen Einblick in die Geschichte Bertoldshofens gab die ehemalige Stadtarchivarin Ursula Thamm einem interessierten Publikum im Hartmannhaus. Sie las aus der von ihr verfassten Chronik über den Ortsteil und nahm ihre Zuhörer mit auf eine Zeitreise von der alemannischen Landnahme um 600 bis zur Eingemeindung 1972.
Schon früh regelten die Bertoldshofener ihr Zusammenleben, wie aus einem Gemeindsbrief von 1592 hervorging. Bis heute künde das Sühnekreuz an der Schlossbergsteige von einem außergerichtlichen Sühneverfahren nach einem Mord. Drei Bertoldshofenerinnen fielen dem Hexenwahn 1592 zum Opfer und wurden – nachdem sie unter Folter ein Geständnis abgelegt hatten – in Oberdorf verbrannt. Skurril mutete dagegen ein Streit zwischen Burker Bauern und Kaufbeurer Bäckern im Jahr 1482 an. Die Bäcker hatten mit ihren Fuhrwerken tiefe Fahrspuren in den Burker Äckern hinterlassen. Die Bauern beschwerten sich, die Bäcker gaben nicht nach, so dass sich schließlich der Kaufbeurer Rat und der Bischof von Augsburg einschalteten. Letztendlich konnte der Abt von Kempten den Streit schlichten.
Bemerkenswert war die 1685 in Bertoldshofen gegründete Antoniusbruderschaft: Sie wuchs bis zum Ende des Jahrhunderts auf über 26.000 Mitglieder aus ganz Europa an. Dementsprechend wurde ihr 100-jähriges Jubiläum 1785 mit einem 4-tägigen, großen Fest gefeiert. An den ersten beiden Tagen gab es ausdauerndes Glockengeläute, Böllerschüsse, Messen, Predigten und Gesänge, am letzten Tag eine große Prozession, an der 40 Priester und 10.000 Kommunikanten teilnahmen – bei nur 500 Einwohnern im damaligen Bertoldshofen. An die schwere Zeit und die große Wohnungsnot nach dem 2. Weltkrieg erinnerte ein weiteres Kapitel: 400 Vertriebene wurden in Bertoldshofen untergebracht, das waren fast so viele wie der Ort damals Einwohner hatte. Der Kaufbeurer Textilfabrikant Theodor Momm und seine Frau Gabriele, die am Galgensee wohnten, erwiesen sich damals als Helfer in der Not: Theodor Momm hatte sofort bei der Nachricht, dass die Häuser von Forggen wegen des Forggenseeaufstaus abgebrochen werden sollten, diese als „Baumaterial“ erworben. Heimatvertriebene und Hausener Bauern fuhren daraufhin nach Forggen, bauten die Häuser dort ab, und verwendeten sie zum Aufbau neuer Eigenheime in Hausen. Gabriele Momm war dagegen als „Frau mit dem Taunus“ bekannt, denn mit einem solchen Auto war sie ehrenamtlich unterwegs, um Spenden, Hilfsgüter und Möbel zu organisieren. 1972 endete die Eigenständigkeit Bertoldshofens und es wurde ein Ortsteil von Marktoberdorf. „Der dörfliche Charakter ist aber erhalten geblieben“, so Thamm, „und auch das große Engagement in den Vereinen“.
Den Zuhörern gefielen die Geschichten aus der Bertoldshofener Geschichte ausnehmend gut und es wurde fleißig gefragt und diskutiert. Das Hartmannhaus bot einen gemütlichen Rahmen für diese Veranstaltung des Heimatvereins.
Text und Foto: Kornelia Hieber